YOGA HILFT GEGEN STRESS UND CHRONISCHE RÜCKEN- UND NACKENSCHMERZEN

    Die meisten Patienten von Andreas Michalsen in Berlin-Wannsee haben zu viel und zu lange von dem schleichenden Gift für Gehirn, Gemüt und Körper abbekommen. 80 Prozent der europäischen Bevölkerung fühlen sich “gestresst”, 30 Prozent “sehr”. Der Chefarzt und Professor für Naturheilkunde an der Charité erforscht die Anti-Stress-Wirkung des Yoga nicht nur. Wie manch anderer im Boot der rationalen Erkenntnis praktiziert er es auch seit Langem. Er beugt sich über seinen Schreibtisch und spreizt die aufgestützten Finger in exakten Winkeln auseinander. “Daumen und Zeigfinger in 45 Grad!” Jede Körperübung müsse bis ins Detail stimmen. Selbst Kleinigkeiten wie die Fingerstellung entfalteten Auswirkungen bis in die Zehen.


    Präzision, sagt Michalsen, sei die Basis jedes guten Yoga. Und für ihn sei das im Besonderen Iyengar-Yoga. Er hat den alten “Meister mit dem langen Atem” besucht. “Mit Iyengar krieg ich sie alle” sagt der Mediziner in Berlin und meint damit vor allem seine männlichen Patienten aus den umliegenden Villen, erfolgreich und leistungsorientiert. Der Guru in Pune hat, wie er sagt, eine Art von Wissenschaft aus der alten Lehre gemacht. Sein Labor ist der eigene Körper und der eigene Geist, sein Werkzeug sind vor allem die Asanas – “Meditation in Aktion”. Nach der ersten Stunde schon sein Michalsen beeindruckt gewesen, nich so sehr vom höllischen Muskelkater, sondern von der Kraft, die er in sich gespührt habe. Danach war ihm klar, warum Trainer ihre Hochleistungssportler auf die Yogamatte legen, auch im Profifussball.

     

    Michalsen spricht nicht von Muskel-, sondern von Wiederstandskraft gegen den Stress, die eigentlich segensreiche Art des Körpers, auf drohende Gefahren zu reagieren. Chronischer Stress aber entfesselt das vegetative Nervensystem, ständige quälende Unruhe ist die Folge, ein zerstörerischer Zustand für Leib und Seele. Wird er zu viel, entgleisen Steuerungsreaktionen vom Körper, selbst die Genaktivierung wird nachteilig verändert. Stress ist neurotoxisch. Folge: Depression, Angst, Sucht, chronische Entzündungen, Darmerkrankungen, Arthritis und erhöhter Blutzuckerspiegel. Bei bis zu 80 Prozent aller Krankheiten sollen Stress und ein damit verbundener ungesunder Lebensstil ursächlich oder beteiligt sein.

     

    Stressreduktion, so Michalsen, sei weltweit der wichtigste Schlüssel zum Geheimnis des Yoga. Studie für Studie belege, dass Yogis ihr autonomes Nervensystem beeinflussen können, das unwillkürliche Reaktionen in Organen und Muskeln steuert. Es teilt sich in einen Beschleuniger, das sympatische System, und seinen Gegenspieler, das parasympatische, das wie eine Bremse wirkt. Yoga senkt nachweislich den Spiegel von Stresshormonen wie Cortisol im Blut.

     

    Neuen Erkenntnissen zufolge reduziert es auch Entzündungsstoffe. Frauen, die regelmässig zwei Jahre lang Yoga betrieben, wiesen weniger Interleukin-6 im Körper auf und reagierten weniger stark auf Stressoren als Ungeübte gleichen Alters und Gewichts. Das gelte aber nur, sagt der Arzt, wenn “restauratives” praktiziert werde, das sich auf gemässigte Körper-, Atem- und Entspannungsübungen konzentriert und nicht zu sportlichen Höchstleistungen animiert. Power Yoga sei dazu nicht geeignet.

    Auch nicht bei den weitesten verbreiteten Stress-Folgeerkrankungen: den Scherzsyndromen. Erst kürzlich hat sich Michalsen mit Kollegen an einer Meta-Analyse beteiligt. Ergebinis der qualitativen Sichtung vieler Studien:”Yoga ist nach bisherigen Erkenntissen die wirksamste Methode gegen chronischen Rücken- und Nackenschmerz und kann auch hilfreich sein bei Migräne”. Eine solche Wirkung nur wegen der Stressreduktion? Nein, sagt der Professor, da müsse es noch weitere verborgene Heilkräfte geben, die Yoga anregen kann.

     

    Quelle: GEO, Was Yoga kann, Juni 2013

     

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